Jul
19
2011

Claudio Abbado Interview mit der FAZ

In einem seiner seltenen Interviews sprach Claudio Abbado mit Julia Spinola über seine lebenslange Auseinandersetzung mit der Musik Gustav Mahlers. Das Interview erschien in der FAZ vom 9.7.2011 (Was hören Sie im Schnee, Signore Abbado?).

Was sind das für Manuskripte, die Sie da gerade vor sich liegen haben und studieren?

Das sind Anmerkungen von Alban Berg zu seiner ‚Lulu‘-Suite, die ich neu bekommen habe. Eintragungen in die Partitur, die sehr interessant sind!

Sie haben diese Partitur von Berg seit 1964 schon so oft dirigiert. Ändern diese Eintragungen etwas an Ihrer Interpretation?

Ja, natürlich! Man findet immer etwas Neues. Sehen Sie zum Beispiel diese Bläserstelle: „leierkastenmäßig“ steht da. Das bedeutet für mich, dass dieses Thema etwas „wienerisch“ gespielt werden muss.

Sie studieren die Partituren sehr genau.

Ja, man lernt ungeheuer viel dadurch. Oft gerade auch durch die Korrekturen, die die Komponisten selbst eingefügt haben. Mahler schreibt in seinen Partituren ja über sein halbes Leben, über seine Eifersüchte und seine große Liebe. Das ist sehr aufschlussreich. Der arme Mahler hat so viel gelitten. Seine Ehefrau Alma war nicht so einfach . . .

In der jüngeren Zeit hat man ja ihre Kompositionen entdeckt und behauptet, sie sei von Gustav Mahler unterdrückt worden.

Wie finden Sie denn die Kompositionen von Alma Mahler?

Nicht wirklich bedeutend.

Eben. In Edinburgh habe ich früher einmal ein Mahler-Festival gemacht, wo auch einige Kompositionen von Alma gespielt wurden. Da ist mir klargeworden, dass sie eine gute Studentin war ”“ aber mehr nicht. Sie glaubte jedoch wirklich, dass sie die Größte wäre. Das lag eher an ihrem Charakter als an ihrem Talent.

Hat das Mahler-Jahr neue Erkenntnisse für Sie gebracht?

Ja, aber so wie jedes andere Jahr auch. Jubiläen sind immer nur ein Anlass.

An Mahlers Musik hat sich immer wieder der musikologische Streit entzündet, ob es sich um „absolute“ oder um „Programmmusik“ handele. Hat diese Unterscheidung einen Sinn?

Meiner Ansicht nach kann das jeder so sehen, wie er möchte. Für mich ist das einfach wunderbare, große Musik, die ich liebe. Dafür brauche ich kein Etikett.

Und wie gehen Sie mit Mahlers programmatischen Eintragungen um? Nützen die etwas für die Interpretation?

Man kommt dadurch schon auf neue Ideen. Aber das ist ohnehin das Schöne an den großen Komponisten, dass man in ihren Werken unentwegt neue Aspekte entdeckt. Große Musik ist unerschöpflich. Es gibt in der Musik, genau wie im Leben, keine Grenzen. Daher versuche ich immer, eine Partitur jedes Mal wieder so studieren, wie beim ersten Mal. Alles andere wäre zu einfach und auch sehr langweilig.

Bei der Endrunde zum Deutschen Dirigentenpreis ist mir gerade wieder aufgefallen, auf wie viele Dinge es beim Dirigieren gleichzeitig ankommt: Partiturkenntnis, Schlagtechnik, gestische und mimische Kommunikation. Wie lernt man das?

Der Wunsch, Karriere machen zu wollen, ist sicherlich die falsche Voraussetzung. Wichtig ist vor allem eine tiefe Liebe zur Musik. Mir hat Karajan, der wie ein Vater für mich war, sehr wichtige Ratschläge gegeben. Er hatte mich mit dem damaligen Radio Symphonie Orchester Berlin gehört und mich daraufhin nach Salzburg eingeladen. Dort führte ich mit den Wiener Philharmonikern auf meinen Wunsch hin die 2. Symphonie von Mahler auf. So fing alles an. Karajan hat mir immer geraten, nicht zu viel zu machen, nur zu dirigieren, wenn ich mir ganz sicher bin. Er warnte mich davor, einen Fehler zu begehen, den er als junger Mann einmal gemacht hatte: mit einem unsicheren Gefühl dennoch ans Pult zu treten.

Hören Sie sich Ihre alten Aufnahmen manchmal an?

Ja. Manchmal ist es nicht schlecht, manchmal schrecklich.

Ihr Verständnis von Mahler hat sich also verändert?

Natürlich. Ich bin immer tiefer eingedrungen.

Gibt es zeitgenössische Komponisten, die Sie interessieren?

Als ich das Festival „Wien Modern“ gründete, habe ich mit Nono, Boulez, Berio und Stockhausen zusammengearbeitet. Dann war da noch der junge Komponist Wolfgang Rihm. Auch mit ihm arbeite ich gerne. Er ist ein so intelligenter Komponist und ein so gebildeter Mensch. Auch mit Henze habe ich einiges gemacht.

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